Noack, Hans-Georg: Rolltreppe Abwärts

https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/41QgmVkphUL._SX242_BO1,204,203,200_.jpg

Produktinformationen
Titel: Rolltreppe abwärts
Autor: Hans-Georg Noack
Gattung: Jugendbuch
Erschienen:  1970
Verlag: Ravensburger
Taschenbuch:216 Seiten
ISBN: 3-473-58001-5

 

 

Klappentext

„Jochen ist oft allein. Seine Mutter ist geschieden und muss für den Lebensunterhalt aufkommen. Ihren neuen Freund empfindet er als Konkurrenten… eines Tages passiert es: Jochen wird bei einem Kaufhausdiebstahl erwischt. Zu Hause gibt es Zoff, und in der Schule hänseln ihn seine Mitschüler. Jochen schlägt zu, so hart, dass er den anderen schwer verletzt – und kommt in ein Fürsorgeheim. Lange hält er es dort nicht aus, doch weder sein Vater noch seine wieder verheiratete Mutter können oder wollen ihm ein Zuhause geben.“

Inhalt

Die Handlung beginnt damit, dass Jochen (eigentlich Jürgen-Joachim Jäger) im Fürsorgeheim ankommt und alles gezeigt bekommt. Neben der Beschreibung seines Lebens dort werden stückweise die Vorfälle erzählt, die zu seiner Einweisung geführt haben.

Seine Mutter ist alleinerziehend und berufstätig und hat, anders als früher, kaum noch Zeit für Joachim. Das liegt auch daran, dass sie nun einen neuen Freund hat (Albert Möller), bei dem sie als Angestellte arbeiten kann. Joachim wird jedoch nicht warm mit ihm.

 „Er war und blieb ein Eindringling, und ihr seltenes Lächen sparte die Mutter jetzt für ihn auf. Man fröstelt leicht, wenn man nie von einem Lächeln erwärmt wird.“

img_0677-2

Als er eines Tages seinen Haustürschlüssel vergisst, muss er in der Stadt Zeit totschlagen, bis die Mutter nach Hause kommt. Er hat so großen Hunger, dass er im Kaufhaus ein Bonbon stiehlt und dabei von dem zwei Jahre älteren Axel erwischt wird, der ihn für sein Talent zu klauen lobt.

Axel lädt er ihn zu Bier und Essen ein und wird über die nächsten Wochen zu einem guten Freund. Da Axel aber immer alles bezahlt, ist auch Jochen irgendwann dran für Zigaretten zu sorgen und da er kein Geld hat, klaut er wieder. Als die beiden das hübsche Mädchen Elvira kennenlernen, verliebt sich Jochen und schenkt ihr eine geklaute Kette. Als sie Tage später gerne Musik beim herumlaufen hören würde, versucht er mit Axels Hilfe einen Transistor zu stehlen, wird dabei aber erwischt. Axel kommt davon, da Jochen behauptet, alleine geklaut zu haben. Da Jochen erst 13 Jahre alt ist, hat der versuchte Diebstahl keine weiteren Folgen, als dass er von der Mutter abgeholt werden muss.

„Die Mutter sagte kein Wort. Auch später nicht, nicht auf der Rolltreppe, nicht auf dem Weg zum Ausgang. Kein einziges Wort. […] Sie verurteilte schweigend, aber eindeutig. Ihr Blick war ohne Vorwurf. Er war nur beherrscht und sehr kühl; weder traurig noch besorgt, nur sachlich“

Sie muss danach direkt wieder auf die Arbeit und so bleibt eine Standpaukte vorerst aus. Er hat sie jedoch noch nie so ruhig erlebt und so große Angst, dass er von Zuhause abhaut, am nächsten Morgen jedoch wieder zurück geht (denn wo soll ein 13 jähriger Junge hin?). Dort wartet die erleichterte Mutter, aber auch ihr derzeitiger Freund, der ihn anbrüllt und Ohrfeigt. Das ist jedoch nicht die einzige Konsequenz aus dem Diebstahl. Auch in der Schule hat es sich herumgesprochen und er wird so lange „Kaufhausdieb“ genannt, bis er einen Jungen mit einer Milchflasche schlägt. In der Stadt trifft er einige Tage später Elvira mit einem anderen Jungen. Sie ignoriert ihn und lästert offensichtlich mit dem anderen Jungen über ihn. Als er sie tags darauf alleine trifft, will er mit ihr Reden, aber sie ist schnippisch und arrogant, so dass Joachim versucht ihr die geschenkte Kette abzureißen, jedoch aus Versehen den Pullover erwischt und diesen zerstört.img_0678-2

Das alles führt dazu, dass die Mutter sich gezwungen sieht, ihn in die Fürsorgeanstalt zu geben. Dort herrscht ein raues Klima, es gibt viele Regeln zu beachten und die Erzieher sind streng, haben von Pädagogik aber nicht viel Ahnung.

Es gibt einige gute Momente, zum Beispiel einen Tanzkurs mit Mädchen aus der Stadt, seine Freundschaft mit Sven, die nette Krankenschwester Maria, die ihm eine Lehrstelle anbietet und sein besser werdendes Verhältnis zum Heimleiter Herr Katz. Aber unglückliche Umstände führen dazu, dass er nach und nach alles verliert. Er macht immer wieder kleine Fehler, die zwar aus seiner Sicht nachvollziehbar sind, aber zur Folge haben, dass sich die Menschen nach und nach von ihm abwenden.

 „Wie enttäuscht deine Mutter ist, das kann ich nicht beurteilen, Jochen. Aber mich hast du ziemlich enttäuscht, das muss ich schon sagen.“ (Heimleiter)

„Wenn er noch zwei Tage gewartet hätte, dann wäre der Lehrvertrag vielleicht schon unterschrieben gewesen. ABer das schlag dir aus dem Kopf. […] Nun geh schon, dass ich dich nich tmehr sehe!“ (Maria)

Er bricht irgendwann aus dem Heim aus und sucht Hilfe bei seinem leiblichen Vater, der allerdings auch heiraten möchte, keinen Platz für ihn hat und ihn zurückschickt, weil es das Beste für ihn ist. Zurück im Heim ist die Stimmung noch schlechter als davor und er wird für sein Ausreissen bestraft. Joachim fühlt sich so am Ende, dass er direkt erneut ausbricht und einen extremen Weg einschlägt, der ihn entweder noch weiter nach unten führt oder – was unwahrscheinlicher ist – die Menschen aus seinem Leben, die ihm helfen könnten, wachrüttelt.

Fazit

Als ich den Text auf dem Buchrücken gelesen habe, dachte ich, ich wüsste bereits komplett um was es in dem Buch geht: Einen Jugendlichen, der klaut, später gewalttätig wird und in ein Heim eingewiesen wird. Lehre der Geschichte: Mach sowas nicht, bleib brav.

Tatsächlich ist die Handlung wesentlich Vielschichtiger. Sie spielt zwar in den 1970er Jahren, aber das Thema der Vereinsamung wird so gut behandelt, wie ich das vorher noch nicht gelesen habe. Das Interessanteste dabei ist, dass Joachim zwar einige Fehler macht, sie sind aber einzeln betrachtet nie so schlimm und werden dazu noch so gut begründet, dass man nicht das Gefühl hat, er würde auf die schiefe Bahn abdriften, oder er hätte die harten Bestrafungen verdient. Gleichzeitig konnte ich aber auch die Menschen aus seinem Leben nicht für die falschen Reaktionen hassen. Es gibt Sequenzen, in denen die Sichtweisen von beispielsweise seiner Mutter, dem Heimleiter oder Maria dargestellt werden und diese sind absolut nachvollziehbar.  Alle haben ihre Gründe dafür, dass sie in entscheidenden Momenten nicht für Joachim da sind, weil sie alle nicht unfehlbare Persönlichkeiten mit eigenen Problemen sind.

Gepackt hat mich das Buch auch deshalb so sehr, weil weder die Menschen in seinem Umfeld, noch Joachim selber groß eine Chance hatten, sich anders zu Verhalten im Spiegel dessen, wie es ihnen geht und was für einen Charakter und welche Werte sie haben. Von der Handlung und den, trotz der Kürze des Buches, ausgearbeiteten Charakteren her ein wundervolles Jugendbuch. Man merkt aber, dass der Schreibstil nicht mehr ganz Zeitgemäß ist, aber das stört kaum.

 

Bewertung

bildbildbildbildbild

 

Film

https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/51rkCLdiluL._SY445_.jpg

Der Film „Rolltreppe abwärts wurde 2005 auf Initiative einer Gruppe Jugendlicher veröffentlicht.Obwohl ein 17-jähriger Regie führte, ist der Film besser anzuschauen, als manch andere deutsche Film 😉
Er dauert etwa 70 Minuten, auf youtube findet man allerdings auch eine kostenlose Version mit 50 Minuten.
Ich habe den Film, ich gestehe es, nicht komplett zu Ende gesehen. Mir haben für meinen Teil zu viele wichtige Szenen gefehlt, die Schauspieler haben zu sehr genuschelt und die Kammeraführung war manchmal etwas wirr, weshalb ich die Lust am schauen nach einer halben Stunde verloren habe. Trotzdem eine gute Leistung und so manche Szene wurde filmisch überragend umgesetzt.

 

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s